Festspiele – Stadt – Zukunft
Eine Wiederkehr der Zukunft
Zu 75 Jahre Berliner Festspiele mit der Stadtführer*innen Performance WHAT IF BERLIN durch Berlin
Stadtführungen können zur Performance-Kunst werden. Der japanische Künstler, Theatermacher und Regisseur Akira Takayama hat für Berlin auf den 27 Stationen der Ringbahn vergessene Zukunftsvisionen mit internationalen Stadtführer*innen in Deutsch und Englisch ausgearbeitet. Im Anschluss an die Pressekonferenz zum Dreiviertel-Jahrhundert-Jubiläum eines der wichtigsten Festspiele in Deutschland, Europa und wahrscheinlich weltweit führt die Stadtforscherin und queere Urbanistin Diana Raiselis aus den USA einen Ausschnitt der Tour May Communists Dream? in Englisch vom Bahnhof Schönhauser Allee bis Storkower Straße. In der S-Bahn singt Wolf Biermann über Headphones die Ballade vom preussischen Ikarus.

Akira Takayama hat 27 vergessene Zukunftsvisionen für Berlin der letzten 75 Jahre recherchiert und den 27 Stationen der Ringbahnstrecke zugeordnet. Die Ringbahn lasse heute eine imaginäre Mauer zwischen der Innenstadt und der Peripherie entstehen. Denn die Gründung der Berliner Festspiele gehe zurück auf die Teilung der Stadt in Ost und West ab 1961 mit der drastisch-ideologischen Maßnahme des Mauerbaus. Das bedrückende Jubiläum von 65 Jahren Bau der Mauer ab dem 13. August 1961 durch die Stadt schimmert ebenfalls durch das Projekt. Konkurrenz der Künste und Systeme ebenso wie Kooperationen zwischen West- und Ost-Berlin in den 80er Jahren spielten sich in den Berliner Festwochen mit ihren Intendanten ab. Ab dem 9. November 1989 änderte sich alles, so dass z.B. die Zukunft des Hauses der Jungen Talente diskutiert wurde. Gründe genug, sich in der Jubiläumssaison dessen zu erinnern.

Die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes hat 27 ebenso faszinierende wie überraschende thematische Installationen auf den Bahnhöfen geschaffen. Die Durchgangsräume der Bahnsteige und Bahnhöfe eröffnen Geschichten zum Haus der Jungen Talente, dem großformatigen Wandgemälde Wenn Kommunisten träumen … von Walter Womacka aus dem Hauptfoyer des Palasts der Republik von 1975 oder dem Entwurf von Christian Enzmann und Bernd Ettel für den Bersarinplatz von 1984 unter dem Titel Ikarusflug. Auf dem Bahnhof Westend steht über dem stillgelegten Bahnsteig A WALK IN PARADISE neben einem grünen und violetten Foto aus dem Todesstreifen mit einem Kaninchen. Die Installationen erschließen sich erst durch die Stadtführer*innen.

Akira Takayama erforscht in seinem Projekt zum Stadtraum WHAT IF BERLIN nicht zuletzt einen radikal erweiterten Theaterbegriff. Auf den Ringbahnstationen werden Überlagerungen der einzigartigen Stadtgeschichte im Kontext der Berliner Festspiele erzählbar und sichtbar. Er erforscht die Peripherie der Stadt auf der Ringbahn mit ihren Widersprüchen und Konflikten. Denn das Vergessen einer Zukunftsvision hat meistens mit einer Verdrängung durch stadtpolitische Entscheidungen zu tun. Zwischen Wenn Kommunisten träumen … und dem Verschwinden des Lily-Elbe-Archivs (Südkreuz) aus dem Internet 2022 und Berlin lassen sich Geschichten von Stadtführer*innen aus 12 Ländern auf vielfältige Weise erzählen. Sie sind auf die eine oder andere Weise mit den Stadtgeschichten verknüpft und vertraut. Die Ringbahn wird zur Bühne.

Die 27 erinnerten Zukunftsvisionen lassen eine Auswahl an Projekten entstehen, von denen eine in der näheren oder ferneren Zukunft verwirklicht werden könnte. Akira Takayama weist mit diesen Zukunftsprojekten für Berlin weit über die Berliner Festspiele und die Stadt Berlin hinaus. Denn was im aktuellen politischen Diskurs einfach nicht gelingen will, ist Narrative und Bilder für eine Zukunft zu schaffen. Merz ist kein Zukunftskanzler und Siegmund suhlt sich im immer schon wohlfeilen „die in Berlin“-Diskurs. Das hat im „die in Washington“-Diskurs zu einem aberwitzigen Triumphbogen, einem ruinenartigen Ballsaal und einem grünen, abblätternden Reflecting Pool geführt. WHAT IF BERLIN befindet sich insofern nicht nur mit den Kreuzbahnhöfen der Ringbahn – Nordkreuz (Gesundbrunnen), Ostkreuz, Südkreuz, Westkreuz – an einem wichtigen Kreuzungspunkt von Zukunft und Politik.

Kunst und Politik leben von Versprechen auf die Zukunft.[1] Ein Ende der Zukunft zu erklären, widerspricht nicht nur der sprachlich eingeschriebenen Grammatik des Futurs, die oft mit dem Konjunktiv verknüpft wird, vielmehr beschränkt sie Kombinationsmöglichkeiten im Künstlerischen wie Politischen. Deshalb formuliert Akira Takayma Fragen für eine Zukunft der Stadt.
„Wie kann das vergessene künstlerische Erbe der DDR reaktiviert werden? Welche Infrastrukturen und urbanen Systeme erlauben Teilhabe und Diversität? Wie öffnet sich das Zentrum Berlins hin zu seiner Peripherie? Wo verlaufen die neuen Grenzen und unsichtbaren Mauern in der einstmals geteilten Stadt und wie können wir sie überwinden? Das Publikum ist dabei eingeladen, sich eine andere Stadt, ein nochmal „Neues Berlin“ vorzustellen – und darf am Ende selbst aktiv werden: Ab dem 28. August kann auf der Website der Berliner Festspiele für drei Monate über dasjenige Projekt abgestimmt werden, das Berlin am meisten braucht.“[2]

Das sachsen-anhaltinische – und nicht nur das – Versprechen auf die Zukunft heißt zurück in die Vergangenheit, während sich Merz am Abbau des Sozialstaates zugunsten welcher Wohlstandsbürger auch immer profilieren will. WHAT IF BERLIN formuliert exemplarische Versprechen im Konjunktiv: was wäre wenn … Auf dem Bahnhof Schönhauser Allee erzählt Diana Raiselis vom Haus der Jungen Talente (HdjT) in der Klosterstraße 69, das quasi zwischen Funkturm, Palast der Republik und Sitz des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) an der Jannowitzbrücke im Palais Podewil von 1959 bis 1991 als größte Jugendkultureinrichtung Ostberlins existierte. Jugendkultureinrichtungen sind nicht nur für die Jugend und die Gesellschaft wichtig. Irgendwann gab es auch einen Computerclub im HdjT.
„Obwohl das Haus offiziell unter der Aufsicht der FDJ stand, fungierte es als ein Raum autonomer Bürgerkultur – ein Ort, an dem jede*r frei eintreten und mitwirken konnte. Viele Jugendliche und junge Erwachsene verbrachten hier ihre Nachmittage, aber auch Abende und manche Nacht.“[3]

Braucht Jugendkultur heut noch einen zentralen Ort für Veranstaltungen? Das Haus der Jungen Talente sollte 1990 in ein Europäisches Jugendkulturzentrum HdjT e.V. transformiert werden, wozu es nicht zuletzt aus politischen Gründen nicht mehr kam. Am Nauener Platz gibt es das Haus der Jugend mit Kiezcafé, das in den letzten 20 Jahren eine permanente Transformation erlebt hat. Das Haus der Jugend ist stärker im Kiez als in der Stadtmitte verortet. Die Zentralisierung von Jugendkulturangeboten ist in der Stadt einem dezentralen Modus im Kiez durch z.B. die SPI Stiftung anstelle des Staates gewichen.
„Das Haus der Jugend bietet Kindern und Jugendlichen und jungen Menschen von 6 bis 27 Jahren verlässlich vielfältige Freizeitangebote und Räume, die partizipativ ausgerichtet sind. Selbstentwickelte Projekte verstärken die strukturelle Beteiligung der Heranwachsenden und erhöhen die Identifizierung mit dem Haus. Die Aktivitäten des Hauses strahlen auch in den Stadtraum aus.“[4]

Auf dem Bahnhof Greifswalder Straße regt Diana Raiselis eine Debatte über das großformatige Gemälde Wenn Kommunisten träumen … an, das sich die meiste Zeit im Depot des Deutschen Historischen Museums befindet. Sollte das Gemälde nicht besser in einer Ausstellungseinrichtung im nahen Ernst-Thälmann-Park permanent sichtbar sein? In der Glastür zum S-Bahnhof wird insbesondere der junge, kommunistische, träumende Arbeiter mit abgesetztem Helm und Schutzbrille auf dem rechten Knie gezeigt. Er könnte ein Stahlarbeiter oder Schweißer sein wegen der Schutzbrille. Walter Womacka wollte in dem breitwandartigen Gemälde (280 x 552 cm) die Träume des kommunistischen Arbeiters unter Anspielung auf die Laokoon-Gruppe mit einer Schlange in einer kräftigen Männerhand als Befreiungsmythos darstellen.[5]

Wie wird also der kommunistische Traum in seiner Vielschichtigkeit dargestellt? Es ist nicht zuletzt ein Männertraum, in dem die Frau eher klein als Familienwesen vorkommt. Mit der Referenz an Juri Gagarin im Astronautenhelm[6] wird ein Männlichkeitsmythos wiederholt. Mit anderen Worten: Die Bilderwelt der Zukunft als Traum wiederholt bereits Ereignetes, das vermeintlich eine zukünftig unendliche Wiederkehr verspricht. Bilder der Zukunft sind nicht leicht zu malen oder zu generieren. Gerade der Helm für Juri Gagarin verspricht weit weniger die Zukunft, als dass er sich als Kombination beispielsweise eines altbekannten Taucherhelms erweist. Träume entstehen aus Kombinationen vergessener Ereignisse. Als Montage auf dem S-Bahnhof Greifswalder Straße weckt der Bildausschnitt allerdings den Wunsch, das ganze Gemälde sehen zu wollen.

Bilder und Narrative der Zukunft zu generieren, ist selbst mit wiederholten Versuchen, mit Elon Musk zum Mars zu fliegen, nicht so einfach. Versprechen auf die Zukunft im Weltall auf dem erdnächsten Planeten mögen beträchtliche Geldsummen generieren, weil gleichzeitig apokalyptische Erzählungen die Angst befeuern. Das war schon bei den alten Assyrern und ihrer Generierung von Big Data durch Leber-Orakel vor mehr als 2500 Jahren so.[7] Aber mit einer der Touren von What If Berlin lässt sich die Stadt auf neuartige Weise mit der Ringbahn erfahren.
Torsten Flüh
75 Jahre Berliner Festspiele
What If Berlin
Touren bis 20.09.2026
[1] Zur Frage der Zukunft siehe auch: Torsten Flüh: Die Raummaschine. Über die Erkundung des ICC zur Feier von 70 Jahre Berliner Festspiele mit THE SUN MACHINE IS COMING DOWN. In: NIGHT OUT @ BERLIN 11. Oktober 2021.
[2] Siehe: Akira Takayama: Über What If Berlin. (Berliner Festspiele)
[3] Siehe: What If Berlin: Schönhauser Allee: Haus der Jungen Talente.
[4] Siehe Haus der Jugend: Stiftung SPI.
[5] Siehe: What If Berlin: Greifswalder Straße: Wenn Kommunisten träumen …
[6] Zu Juri Gagarin siehe: Torsten Flüh: Von der Wissenschaft und der Poesie der Kindheit. Cirk La Putyka zeigt Memories of Fools im Chamäleon Theater. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Mai 2019.
[7] Siehe: Torsten Flüh: Big Data aus dem Zweistromland. Drei Vorträge über das Zukunftswissen im Rahmen der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. Mai 2016. (PDF)



































































































































