Saiten – Oberton – Instrument
Faszinierendes Schwingen langer Saiten
Zur Uraufführung von Energy Archive 4 von Ellen Fullman, Pelle Schillings LongStringInstallation, (En)chanting Wood und Okkyung Lees Uraufführung von Aurora (Mesophase) bei MaerzMusik 2026
Lange und sehr lange Saiten gerieten bei MaerzMusik 2026 ins Schwingen und erzeugten neue Klänge. Ellen Fullman hatte in der St. Elisabeth-Kirche ihr raumgreifendes Long String Instrument aufgebaut und brachte ihre Komposition Energy Archive 4 mit dem JACK Quartet zur Uraufführung. Pelle Schillings LongStringInstallation im Garten des Hauses der Berliner Festspiele musste wegen einer Unwetterwarnung am 25. März 2026 abgebaut werden. Der Kontrabassist Florentin Ginot spielte noch am Abend zuvor die Performance My Light Lives in the Dark (2024) von Carola Baukholt im Garten. Und last but not least führte die Cellistin Okkyung Lee ihre Performance Aurora (Mesophase) im Bühnenraum des Festspielhauses zum ersten Mal auf.

No Strings Attached hatte Kamila Metwaly ihr Festivalprogramm für MaerzMusik 2026 mehrdeutig genannt, weil strings/Saiten einerseits eine vielfältige Rolle spielten. Andererseits wird no strings attached mit „keine Bedingungen“ übersetzt und insbesondere hinsichtlich der Finanzierung von Projekten im Englischen gebraucht. Strings hat im Englischen eine besonders vielfältige Gebrauchsmöglichkeit und kann ebenso für Streicher, Streichinstrumente und Verkettungen gebraucht werden. Nicht zuletzt werden die Berliner Festspiele als Kulturinstitution des Bundes im Jahr ihres 75. Jubiläums mit „schrumpfende(n) finanzielle(n) Mittel(n)“ konfrontiert, was nur teilweise mit neuen Kooperationen kompensiert werden konnte. Umso bemerkenswerter war die Dichte der internationalen Uraufführungen und hochkarätigen Produktionen internationaler Künstler*innen.

Die St. Elisabeth-Kirche, von Karl Friedrich Schinkel als griechischer Tempel für viele, vor allem arme Menschen vor dem Rosenthaler Tor erbaut und nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg erst in den 90er Jahren mit nackten Mauerankern, die die zweigeschossige Inneneinrichtung aus Holz hielten, saniert und zum Kulturzentrum ausgebaut, wurde zum Schauplatz für Ellen Fullmans Long Sting Instrument von der Apsis mit einem Kreuz bis kurz vor der dreiflügeligen Kirchentür. Die Stuhlreihen für die Uraufführung von Energy Archive 4 waren links und rechts der gespannten Saiten aufgestellt. Die Streicher des JACK Quartet traten mit Ellen Fullman von der Apsis her auf und schlüpften vorsichtig unter den Saiten hindurch zu ihren Stühlen, während die Streicherin in der Mitte des von ihr konstruierten Instrumentes stehenblieb und ganz nach vor zur Aufspannung ging. Sie breitete ihre Arme aus, legte die Finger auf die Saiten und die Komposition wurde nebst zwei Violinen, einem Cello und einer Bratsche nach synchronisierten Stoppuhren zu spielen begonnen.

Ellen Fullman hat das Long String Instrument (LSI) 1980 konstruiert, nachdem sie Music on a Long Thin Wire des amerikanischen Klangkünstlers Alvin Lucier (1931-2021) gehört hatte. Lucier hatte 1977 das Stück mit einem langen, durch einen Raum gezogenen Draht, der auf einem Holztisch mit einem Hufeisenmagneten befestigt war, entwickelt.[1] Ellen Fullman suchte zu jener Zeit „nach etwas, das in (ihren) Ohren neu klang“.[2] Seither hat sie das LSI entwickelt und an vielen, unterschiedlichen Orten aufgebaut, um mit eigenen Kompositionen wie mit ihrem Körper eher minimalistisch, dennoch äußerst reichhaltig zum Klingen gebracht.
„Die Akustik des Raumes spielt eine integrale Rolle für die Qualität meiner Musik. Mit ihr kann ich arbeiten, doch sie kontrollieren oder genaue Vorhersagen treffen kann ich nicht – ich kann nur intuitiv vorgehen.“[3]

Das Moment des Unkontrollierbaren in ihrer Musik wird in Energy Archive 4 durch die Quartettbegleitung verstärkt. Es geht weniger darum, dass Fullman mit dem Quartett spielt, als vielmehr darum, dass es den Klang des einzigartigen Instrumentes zur Geltung bringt. Ellen Fullman geht mehrfach fast die ganze Strecke der gespannten Saiten vor und zurück, während sie diese mehr durch streichen mit ihren Fingern als durch zupfen zum Klingen bringt. Ihre schreitende, ruhige Körperbewegung bekommt einen meditativen Zug. Die Obertöne schwingen durch den Raum und werden durch Mikrophone aufgenommen.
„Wenn ich das Long String Instrument spiele, stelle ich mir meinen Körper gerne als Miniaturversion seiner selbst vor, die sich ähnlich wie ein Pendel während einer Hypnosesitzung vor- und zurückbewegt. Es gibt ein Element der Absurdität, das sich durch alle meine Arbeiten zieht, weil es bei dieser Hypnose darum geht, in einen sensibilisierten Zustand der Konzentration einzutreten, in dem ich die Details sich verändernder Harmonien erleben und genießen kann.“[4]

Das LSI erzeugte bei den Hörer*innen der Uraufführung eine starke Faszination. Viele gingen nach der Aufführung zum Instrument und versuchten das Geheimnis seines Klangs visuell zu verstehen. Die dünnen Saiten sind in Holzkästen montiert und am anderen Ende des Raumes bis vor die Apsis gespannt. Mit den kaum kontrollierbaren Obertönen entzieht sich das Long String Instrument einer Stimmung nach dem kanonisierten Musikwissen, um eine ganz eigene Stimmung zu erzeugen. Fullmans Energy Archive 4 verwendet unterschiedliche Stimmungen wie „lullaby for T“, „turbulance“, „birdsong“, „a ghost“, „strength in sorrow“, „matrix delay“ … Die Hörer*innen müssen sich auf diese andere Musik einlassen können, weil es weniger um Klangereignisse als vielmehr um ein Nachempfinden geht.

Im Garten des Festspielhauses in der Schaperstraße brach die Dämmerung über die LongStringInstallation von Pelle Schilling herein, als der Kontrabassist Florentin Ginot die beleuchtete Bühne mit seinem Kontrabass betrat. Pelle Schilling hatte geplant, dass die Besucher*innen sich auf die Holzkästen legen sollten, um die Klänge der über Bäume an die Holzkästen gespannten Saiten zu hören. Doch schon ein rotes Absperrband bat darum, dies am 24. März nicht zu tun. Für den 25. März war eine Unwetterwarnung herausgegeben worden, durch die die LongStringInstallation geschlossen bleiben musste. Dafür entlockte Florentin Ginot seinem Kontrabass mit zusätzlicher Elektronik in My Light Lives in the Dark (2024) von Carola Baukolt ein beeindruckendes Spektrum an Klängen.

Carola Baukolts paradoxer Titel My Light Lives in the Dark bezieht sich auf Bereiche des Lebens, die ohne technische Transformation durch Geophone mit verstärkender Elektronik kaum hörbar oder sichtbar sind. Indem die Elektronik direkt am Kontrabass Schwingungen erzeugt, werden die Lebenszeichen aus der Dunkelheit direkt am Streichinstrument kombiniert. Baukolt komponiert und kombiniert mit ihren elektronischen Aufzeichnungen eine Klangökologie, die sich kaum identifizieren lässt. Im erleuchteten Garten als Raum für die vielschichtige Klangökologie brachte Florentin Ginot die Klangbreite seines Instrumentes durch erweiterte Spielpraktiken zur Geltung. Die Saiten sind nur ein Teil, der vielfältigen Klänge.

Die Kombination von Kontrabass und Elektronik kam ebenso in Lou Kilgers Komposition mescarill (2024) zum Zuge. Der große Resonanzkörper des Instrumentes wurde mit Sonden für die Elektronik präpariert. Beide Kompositionen wurden von den Komponist*innen für Florentin Ginot geschrieben und thematisieren mit Elektronik die Natur. Kilger kommt von der Klangtechnik und war bereits 2024 mit Florentin Ginot zu den Donaueschinger Musiktagen eingeladen wie Baukolt. Das Programm (En)chanting Wood macht insofern mit dem Kontrabass und der Elektronik zu einer Art singendem Holz mit erweiterten Spielpraktiken, die das ganze Instrument und seine Möglichkeiten erforschen.

Die Cellist*in und Komponist*in Okkyung Lee geht in ihrer Performance Aurora (Mesophase) anders mit dem Publikum um, als es für Cellist*innen üblich ist. Das Publikum wird nicht nur als Hörer*innen involviert, vielmehr ermuntert Okkyung Lee gleich zu Beginn der Uraufführung im Bühnenraum hinter dem Eisernen Vorhang die Menschen auf, sich während der Performance frei zu bewegen. Das Publikum hat sich im Bühnenraum verteilt, liegt oder sitzt auf dem Boden oder auf einzelnen Stühlen. Die koreanische Cellist*in aus New York hat sich unter die Menschen begeben, um ihre Konzertpraxis zu erweitern.
„Ich möchte auch herausfinden, ob „Geräusche“ oder „Zwischentöne“ als musikalische Sprache verwendet werden können, in der das Publikum mehr erkennen kann als lediglich ihre Neuartigkeit und andere oberflächliche Eindrücke.“[5]

Lee hat für ihre Performance Musiker*innen aus Berlin und Dafne Narvaez Berlfein eingeladen. Während der ca. 60-minütigen Performance wird das Publikum immer wieder unterschiedlich einbezogen. Der emphatische Forschungsprozess als Performance irritiert das Publikum ein wenig. Die Menschen bewegen sich nicht durch den Raum. Sie sind von der Musik und den Aktionen fasziniert. Mesophase als Ergänzung von Aurora benennt eine Phase zwischen Kristallen und Flüssigkeit, eine Zwischenphase. Musikalisch wie performativ lässt sich diese Phase schwer beschreiben oder verifizieren. Das Publikum sollte auf eine möglichst entspannte Weise eingebunden werden, indem es seine Schuhe abgeben konnte und auf Socken teilnahm. Dafne Narvarez Berlfein erzeugte mit drehbaren Spiegeln visuelle Effekte. Am Schluss drehte sich eine Discokugel im sogenannten Schnürboden und verteilte ihre Spiegeleffekte.

Auf ihrem Instrument Cello, mit seinen vier Saiten, erzeugte Okkyung Lee erweiterte Klänge. Während das Cello in der Musikgeschichte seit dem 16. Jahrhundert im Orchester oft für einen warmen, harmonischen Klang eingesetzt wurde und Antonio Vivaldi um die Wende zum 18. Jahrhundert allein 23 Cello-Konzerte komponiert hat, und Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch mit seinem Cellospiel im 20. Jahrhundert Weltruhm erlangte, wurde es im 21. Jahrhundert zu einem Instrument des Erforschens von neuen Klangmöglichkeiten über Legenato, Pizzicato, Vibrato hinaus. Okkyung Lee forscht sozusagen am Herzen des Mythos Cello in seiner besonderen Gebrauchsgeschichte zwischen Harmonie- und Virtuosen-Instrument wie der Beziehung zum Publikum. Anita Lasker-Walfisch spielte Cello in der Lagerkapelle von Birkenau, um zu überleben.[6] Nicht zuletzt die Auffassung des Cellos als „menschlichstes Instrument“ lädt zu weiterer Forschung ein.
Torsten Flüh
MaerzMusik 2027
12. bis 21. März 2027
[1] Siehe: Music on a Long Thin Wire. (Wikipedia)
[2] Enorme Längen. Körper, Raum und Klang im Werk von Ellen Fullman. Ellen Fullman im Gespräch mit Federica Zambeletti. In: MaerzMusik 2026: No Strings Attached. Essays Gespräche Perspektiven. Berlin: Berliner Festspiele 2026, S. 40.
[3] Zitiert nach ebenda S. 42.
[4] Deutsche Übersetzung leicht variiert nach ebenda S. 44.
[5] Mikroskopische Spektakel. Okkyung Lee im Gespräch mit Benjamin Piekut. In: MaerzMusik 2026 … [wie Anm. 2] S. 34.
[6] Siehe Torsten Flüh: Gedenken als fortschreitender Prozess. Über das Benefizkonzert Zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in der Staatsoper Unter den Linden. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Januar 2020.






































































































































