Rausch – Zensur – Roman
Vom Mythos des Rausches und die Konstruktion des Romans
Zur Veranstaltung Neues von der Blechtrommel – Ein verschollenes Manuskript von Günter Grass in der Akademie der Künste
Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sich mehrfach kritisch, gar abwertend über Germanisten und Literaturwissenschaftler geäußert. Dennoch hat er intensive Kontakte z.B. zum Doktoranden John Reddick, der Professor für Germanistik und Neuere Literaturwissenschaft an der University of Liverpool wurde, gepflegt. Nach Grass‘ Literatur- und Schreibverständnis sollte seine Praxis nicht entschlüsselt und verraten werden. Paradoxerweise wurde Grass nach dem Erfolg seines ersten Romans, Die Blechtrommel (1959), mit Verzögerung zur Schulbuchlektüre. Schon zu Lebzeiten gehörte er zum Kanon der deutschen Literatur. Dass er Die Blechtrommel wie im Rausch in einem Zug geschrieben habe, erweist sich mit dem allerjüngsten Manuskriptfund gänzlich als Mythos. Der Roman wurde mit handschriftlichen Tabellen in den 50er Jahren in Paris sorgfältig konstruiert und komponiert.

Die Gefahr staatlicher Zensur war Grass nicht fremd, woran der Präsident der Akademie der Künste, Manos Tsangaris, in seiner Eröffnungsrede erinnerte. Nach ihrem Erscheinen wurden heftig ausgefochtene Debatten über „Blasphemie“ und „Pornographie“ ausgelöst. Hans Magnus Enzensberger veröffentlichte am 18. November 1959 unter Anspielung auf Johann Wolfgang Goethe seinen Essay Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt. Die Jury des Bremer Senats lehnte die Verleihung des Bremer Literaturpreises für 1960 an Günter Grass ab, erinnerte Tsangaris. Und heute? Leben wir in einer zensurfreien literarischen Öffentlichkeit? Oder gibt es nicht exakt von populistisch, rechtskonservativen Politiker*innen wieder Versuche massiver Zensur von Begriffen wie „discriminatory“, „discrimination“ oder „diverse backgrounds“, wie sie über dem Eingang der Akademie der Künste projiziert und dann rot als verboten durchgestrichen werden?

Die Ansprüche an Romane wie Die Blechtrommel unter Hinweis auf Goethes Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794/95)haben sich gänzlich verändert. Heute verrät Jenny Erpenbeck in der ZEIT, was Abiturienten über ihren Roman Heimsuchung „wissen müssen“.[1] Sie können sich heute als Vorbereitung auf die Deutschprüfung probehalber einen Aufsatz zum Kanon-Thema Der zerbrochne Krug (…) von Heinrich von Kleist[2] durch CHATGPT schreiben lassen. Der kritische Gebrauch der Künstlichen Intelligenz wäre wahrscheinlich wichtiger als die Frage, wo der Ich-Erzähler der Blechtrommel mit dem ersten Satz seine Geschichte erzählt. Für CHATGPT eine leichte Antwort, da Günter Grass mit dem ersten Satz seines Romans das Erzählen selbst in einer „Heil- und Pflegeanstalt“ verortete. Grass‘ „Entwicklungs- und Bildungsroman“[3], so Enzensberger, aus der Perspektive Oskar Matzeraths des Trommlers, der Glas zersingt bzw. mit seiner hohen Stimme zerschreit, sollte die Deutschen nicht zuletzt über ihre jüngere Geschichte im Nationalsozialismus belehren.

Die Verbrennung von Manuskripten ist nicht weniger in der Geschichte der Literaturen ein wiederkehrender, hocheffizienter Mythos aus dem Zeitalter der Papierkultur. Er weckt das Begehren, nach dem Manuskript in einer Weise zu suchen, die zur fixen Idee werden kann. Einigen Doktoranden hat das nicht nur die akademische Laufbahn gekostet. So veröffentlichte Heinrich von Kleist einerseits 1808 in seiner Literaturzeitschrift Phöbus ein Fragment seines Trauerspiels Robert Guiskard.[4] Andererseits behauptete er später, es verbrannt zu haben. Daraufhin suchten Generationen von Kleist-Forscher*innen nach weiteren Manuskripten. 1951 wurde gar eine 45minütige Hörspielfassung vom Bayrischen Rundfunk erstellt und gesendet. Grass gab mehrfach an, dass er die Manuskripte „im Heizungsofen in meinem Arbeitsraum“ in der Avenue d’Italie 111 verbrannt habe.

Der „Heizungsofen in (s)einem Arbeitsraum“ ist ebenso mit Dichtung aufgeladen, wie die Verbrennung selbst. Impliziert die Formulierung doch nonchalant, dass der Dichter das Manuskript zum Heizen des Arbeitsraumes habe nutzen müssen. Grass hatte mit seinen Zwillingssöhnen und seiner ersten Ehefrau Anna in der Avenue d’Italie zwar nicht nobel, doch komfortabel im eher proletarisch geprägten 13. Arrondissement gelebt[5], weil deren Eltern in der Schweiz vermögend genug waren, die Miete zu zahlen. Noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und später verdankte so manch eine Dichterseele ihren Erfolg der Herkunft der Ehefrau oder Gefährtin. „Für Anna Grass“, lautet die Widmung. Sie war nun zur Veranstaltung des Archivs der Akademie der Künste im Plenarsaal am Pariser Platz 4 aus der Schweiz angereist. Denn die Veranstaltung, der u.a. die Präsentation der Filmrequisite Blechtrommel aus Volker Schlöndorffs gleichnamigen Film vorausgegangen war[6], verstand sich nicht zuletzt als Vorspiel auf das Grass-Jahr 2027, in dem der Dichter seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Es wird sich mit dem Kleist-Jahr zum 250. Geburtstag überschneiden.

Nach dem Überraschungserfolg der Blechtrommel wurde die Entstehungsgeschichte des Textes zwischen Rausch und Konstruktion wichtig. Enzensberger hatte den Ton gesetzt: „Mit seinem drei Bücher, sechsundvierzig Kapitel und 750 Seiten schweren Roman hat sich Grass einen Anspruch erworben, entweder als satanisches Ärgernis verschrien oder aber als Prosaschriftsteller ersten Ranges gerühmt zu werden.“[7] Der Doktorand der Germanistik, den Günter Grass 1970 mit auf eine Reise nach Paris nahm, wo der Autor mehrere Jahre am Roman gearbeitet hatte, John Anthony Reddick, ist zwischenzeitlich Emeritus und 85 Jahre alt. Er konnte an der Vorstellung des Manuskriptfundes durch Gabriele Radecke, der Leiterin des Literaturarchivs in der Akademie, und den Grass-Experten wie Literaturwissenschaftler Dieter Stolz nicht beiwohnen. Die Kulturstiftung der Länder hat den Ankauf eines Konvoluts, das Grass Reddick in Paris überließ, durch das Grass-Archiv der Akademie der Künste nun mit 30.000 € finanziert. Mehr Literaturkanon geht eigentlich nicht. Ob sich allerdings die Entstehung des Textes dadurch wird abschließend klären lassen, bleibt nicht nur deshalb offen, weil das Konvolut noch nicht abschließend ausgewertet ist.

Was hieß es für Günter Grass, wie in einem Rausch Die Blechtrommel geschrieben zu haben? Grass ging es mit dem Rauschhaften nicht um einen Kontrollverlust beim Schreiben, vielmehr zielt er auf ein Wissen beim Schreiben, das ihm nicht zugänglich war. Wenn in der aktuellen Debatte um das „verschollene() Manuskript“ der Rausch gegen die Konstruktion und „Produktion“, um einen Begriff Walter Benjamins in die Debatte zu werfen, als Wahrheit über das Schreiben ausgespielt wird, bleiben die Begriffe meistens unscharf. Wie viel weiß der Autor von seinem Schreiben? Woran sollte er sich orientieren? Möglicherweise kannte Grass beim Schreiben der Blechtrommel Walter Benjamins „Ansprache im Institut zum Studium des Fascismus in Paris am 27. April 1934“ unter dem Titel Der Autor als Produzent nicht. Hier geht es vor allem darum, den Rausch im Unterschied zum Produzieren zu befragen. Benjamin geht in seiner Ansprache von der Notwendigkeit einer „Tendenz“ aus, die sich heute besser als Haltung benennen ließe.
„Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, daß die Gedankengänge, vor deren Abschluß wir stehen, dem Schriftsteller nur eine Forderung präsentieren, die Forderung nachzudenken, seine Stellung im Produktionsprozesse sich zu überlegen.“[8]

Die Rede vom Rausch behauptet einerseits eine Freiheit vom Wissen der Literaturen beim Schreiben. Sie behauptet die Namensfindungen und Wortspiele, Leitmotive, die Kombination der Kapitel – „Der weite Rock“, „Unterm Floß“, „Falter und Glühbirne“, „Das Fotoalbum“, „Glas, Glas, Gläschen“, „Der Stundenplan“, „Rasputin und das ABC“, „Fernwirkender Gesang vom Stockturm aus gesungen“, „Die Tribüne“, „Schaufenster“, „Kein Wunder“, „Karfreitagskost“, „Die Verjüngung am Fußende“, „Herbert Truczinskis Rücken“, „Niobe“, „Glaube Hoffnung Liebe“, um nur die des 1. Buches zu nennen, – sei gleichsam auf natürliche Weise aus der Feder geflossen. Der Autor wusste es selbst nicht, der Text habe sich selbst für ihn geschrieben. Benjamins „Forderung nachzudenken“ spielt für ein derartiges Romanschreiben keine Rolle. Vielmehr kommen die Erzählungen von selbst. Die Wiederholung der Motive, die wie Dieter Stolz anmerkte, Farbensymbolik der Blechtrommel in rot und weiß als Farben der Flagge Stadt Danzig werden eher naturalisiert als im Kontext ihrer Geschichte eingesetzt. Das nun erworbene Blatt 120_1 im Günter-Grass-Archiv mit der handschriftlichen Gliederung des Romans Die Blechtrommel zeigt allerdings, dass Grass die Kapitel teilweise umgestellt hat.

Grass‘ Abneigung gegen Germanisten und Literaturwissenschaftler seiner Generation widerspricht der offenbaren Konstruktion des Romans, die Hans Magnus Enzensberger in seiner Rezension würdigte, weil sich Grass „eines traditionellen Romanmusters“ bediene und „einige traditionelle Tugenden des Romanciers“ übe.[9] Die Blechtrommel kenne „keine Tabus“ schreibt er und verneint, dass sie „Pornographie“ sei.[10] Enzensbergers Text nimmt vieles voraus, was sich auf andere Weise durch die Reden der Veranstaltung zog. Mit nahezu 66 Jahre Abstand ist es erstaunlich, dass sich beispielsweise in der Politik keine neuen, sondern schon um 1960 verbreitete politische Ressentiments wieder artikulieren. 1999 erinnerte Günter Grass am 7. Dezember in seiner Nobelpreisvorlesung an den konservativen Verwurf der „Nestbeschmutzung“, die ihm zu seiner Danzig Trilogie vorgeworfen wurde. Es sind genau die gleichen einfallslosen Formulierungen wie sie mit reaktionären Kulturpolitikern nicht nur der AfD in Deutschland wiederkehren.
„Mit der Veröffentlichung meiner ersten beiden Romane “Die Blechtrommel” und “Hundejahre” und der dazwischengeschobenen Novelle “Katz und Maus” lernte ich früh, als immer noch relativ junger Schriftsteller, daß Bücher Anstoß erregen, Wut, Haß freisetzen können. Was aus Liebe dem eigenen Land zugemutet ward, wurde als Nestbeschmutzung gelesen. Seitdem gelte ich als umstritten.“[11]

Das Kapitel „Der weite Rock“ stand zum Zeitpunkt der Gliederung schon an erster Stelle. Grass hat es für eine Theaterfassung bearbeitet, die vom Schauspieler und Mitglied der Akademie der Künste Ulrich Matthes bravourös gelesen wurde. Ulrich Matthes spielt z.Z. Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd in Dürrenmatts Die Physiker am Deutschen Theater. An der Eröffnungsszene „Der weite Rock“, und wie Matthes sie liest, fällt heute auf, dass Günter Grass mit der zufälligen Zeugung seiner Mutter Agnes durch den vor der Polizei flüchtenden Joseph Koljaiczek auf dem Kartoffelfeld den widerständigen Schutz von Anna Bronski mit Komik und einer scheinbar natürlichen Vergewaltigung vermischt. Anna wehrt sich nicht, stößt gar „Seufzer“ aus[12], als der Flüchtende sie im Versteck unter ihrem weiten Rock in Anwesenheit der Polizisten penetriert und ejakuliert. Was als pornographisch kritisiert wurde, erhält heute eine ganz andere Problematik. So war das eben für eine Bäuerin auf dem Kartoffelfeld in der Kaschubei…

Wie war es denn für junge Frauen, die auf dem Lande als Töchter von Tagelöhnern noch in den 1930er Jahren in der Nähe von Danzig geboren wurden? Sie hatten kaum eine Chance, im Dorf verheiratet zu werden. Sie mussten in die industrialisierte Stadt gehen. Als junge, unbegleitete Frauen suchten sie Arbeit in der Stadt und in einem mehr oder weniger bürgerlichen Haushalt. Die Arbeitgeber waren zugleich Herren im Haus und sahen es als selbstverständlich an, dass die jungen Frauen für ihre sexuellen Begierden zur Verfügung standen. Daraus hervorgehende Kinder wurden dann von der Mutter bzw. Großmutter auf dem Bauernhof aufgezogen, weil es eine religiöse Schande war, sich im Abhängigkeitsverhältnis nicht gegen die Männer gewehrt zu haben. Diese Hintergründe der Industrialisierung im Schiffs- und Maschinenbau seit dem 19. Jahrhundert in Danzig werden vom jungen Grass in der Blechtrommel als ersten Teil der Danziger Trilogie neben Katz und Maus (1961) und Hundejahre (1963) gar nicht erst reflektiert.

Günter Grass hat intensiv an dem 1. Satz seines Romans gearbeitet, wie nun das Typoskript 17304_2 aus dem Jahr 1958 zeigt. Die Geste eines Geständnisses mit dem „Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt,“ war zwar schon vorhanden, aber im Typoskript fehlt noch der verkehrende Blick, des Ich-Erzählers. Stattdessen beschreibt er seine Lebensumstände mit „liege oder sitze in einem Bett, dessen metallene Beschaffenheit ich mir immer gewünscht habe“. Grass hatte hier schon einen Hinweis auf dessen „katholische() Konfession“ durchgestrichen. Doch erst in der Druckfassung kommt es zum merkwürdigen Blickwechsel zwischen dem Auge des Pflegers und dem „Blauäugigen“, als solle der ganze Roman verrätselt werden:
„mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.“[13]

Die Nachträglichkeit des eröffnenden Satzes hat viel mit dem Erzählen zwischen Geständnis mit der „katholischen Konfession“ noch als Beichte und dem Rätsel zu tun. In der Literaturwissenschaft könnte man nun, versuchen die Symbolik der Augenfarben zu entschlüsseln. Die Geste des Geständnisses wird mit dem Nicht-Durchschaubaren sogleich zurückgenommen. Der Erzählprozess, bei dem sich Grass über das „traditionelle Romanmuster“ und dem Modus der Wiederholung in den Leitmotiven durchaus bewusst war, wie schon Enzensberger erkannte, lässt sich dennoch nicht entschlüsseln. Als Jahrgang 1927 war Günter Grass dennoch allen Terrornarrativen ausgesetzt, die in der Danziger Trilogie verhandelt werden. Er sprach später von Schuld und Scham. Gleichwohl dachte oder hoffte er alles erzählen zu können. Darin könnte das Paradox seiner Restaurierung des Romanschreibens liegen.
Torsten Flüh
[1] Volker Weidermann: Jenny Erpenbeck verrät, was Abiturienten über ihr Buch wissen müssen. In: Die Zeit 6. April 2026.
[2] Zu Der zerbrochne Krug siehe: Torsten Flüh: Den Krug abgefeiert. Zur Premiere von Bridge Marklands krug in the box in der brotfabrik. In: NIGHT OUT @ BERLIN 30. September 2025.
[3] Hans Magnus Enzensberger: Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt. In: ders.: Einzelheiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1962, S.225.
[4] Wikipedia: Phöbus: Robert Guiskard.
[5] Auf der französischen Seite von Wikipedia zur Avenue d’Italie wird Grass‘ Wohnort von 1956 bis 1960 erwähnt: Avenue d’Italie.
[6] Siehe: Torsten Flüh: Von der Dynamik und der Faktizität des Archivs. Zu 75 Jahre Archiv der Akademie der Künste und der Ausstellung Out of the Box. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. Oktober 2025.
[7] Hans Magnus Enzensberger: Wilhelm … [wie Anm. 3] S. 221.
[8] Walter Benjamin: Der Autor als Produzent. Ansprache im Institut zum Studium des Fascismus in Paris am 27. April 1934. In: Texturen. Zeitschrift für den Literaturbetrieb.
[9] Hans Magnus Enzensberger: Wilhelm … [wie Anm. 3] S. 225.
[10] Ebenda S. 223.
[11] Günter Grass: „Fortsetzung folgt …“ Nobelpreisvorlesung. Stockholm 7. Dezember 1999
[12] Günter Grass: Die Blechtrommel. Darmstadt: Luchterhand, 1959, S. 19.
[13] Ebenda S. 9




























































































































