Performance – Körper – Sexualität
Setzen Sie sich der Zeit der Performance aus!
Zur Performance-Ausstellung Marina Abramović Balkan Erotic Epic im Gropius Bau
Die Performance ist ein flüchtiges Zeitformat der bildenden Kunst. Und Marina Abramović ist nicht zuletzt mit dem Praemium Imperiale des japanischen Kaiserhauses seit 2025 deren offizielle Kunstkaiserin. Am 30. November 2026 wird sie ihren 80. Geburtstag feiern, nachdem sie bei einer ihrer ersten Performances, Rhythm 2 1974, in einer Galerie in Zagreb fast gestorben wäre. Sie hatte den Umriss eines sozialistischen, fünfzackigen Sterns aus Zweigen auf den Boden gelegt, ihn mit viel Benzin übergossen, angezündet, ihre Haare abgeschnitten und in die Flammen geworfen sowie ihre Fingernägel in den brennenden Stern geworfen, um sich in den Sterninnenraum zu legen. Sie verlor das Bewusstsein aus Sauerstoffmangel. Ausstellungsbesucher mussten sie aus dem brennenden Stern retten. Im Gropius Bau sind nun die verkohlten Hölzer als Stern ausgebreitet.

Balkan Erotic Epic als Ausstellung wurde unlängst vom Kritiker des Tagesspiegels hämisch mit der Erotikmesse Venus verwechselt. Das kann heute passieren, wenn Menschen mit einer gering reflektierten Sexualität mit Performances von Marina Abramović, in denen der nackte Körper eine Rolle spielt, konfrontiert werden. Indem sie in ihren Performanceskripts immer geschrieben hat, was „Ich“ tun werde, hat sie den intimen Bereich der Sexualität zum Thema gemacht. In der Ausstellung sind eine ganze Reihe von kürzeren und längeren Performances als Video und die 20minütige Live-Perfomance Akt mit Skelett (2005/2026) von mehreren Performer*innen zu sehen. Eine Person im weißen Kittel kommt in den Ausstellungsraum der Abteilung Erotik und Tod, hängt den Kittel an die Wand, geht nackt auf ein Podest, legt sich darauf und zwei junge Assistentinnen in weißen Kitteln legen ein Skelett rücklings auf die Person. Fotografieren ist in dem Raum verboten.

Das Verhalten der Ausstellungsbesucher*innen vor und während der Performance Akt mit Skelett hat mich überrascht – und auch wieder nicht. Die Besprechung als Publikumsbeschimpfung abzufassen ging mir durch den Kopf. Am Samstag kurz vor 14:00 Uhr lief zunächst noch das Performance-Video mit Marina Abramović. In der großflächigen Projektion sah man die nackt entspannt unter dem Skelett liegende Performerin von der Seite. Die Handknochen des Skeletts waren in die offenen Hände der Performerin gelegt – fast zärtlich. Ihre Atmung ließ das Skelett auf- und niedergehen. – Das Video endete und nach und nach stellten sich Besucher*innen an die Wände, so dass kaum noch ein Platz frei war. Dann kam der zeremonienartige Auftritt zunächst der Assistentinnen, die das Skelett in der Horizontalen trugen. Anstelle von Marina Abramović kam ein männlicher Performer, der der Größe des Skeletts entsprach. Er hielt die Augen offen unter dem Skelett. – Es dauerte wohl keine 5 Minuten, bis sich die Zuschauerlinien aufzulösen begannen. Die jungen und alten Ausstellungsbesucher gingen in andere Performance-Ausstellungräume, als sei mit der Nacktheit schon alles gesehen.

Die Dauer der Performances von Marina Abramović ist legendär. Sie verlangte der Performerin in ihrem Körper bis zur Schmerzgrenze alles ab. Vom 14. März bis 31. Mai 2010 saßen ihr in ihrer Performance The Artist is Present auf einem Stuhl im Museum of Modern Art in New York in angekündigten 721 Stunden 1545 Menschen an einem leeren Tisch auf einem Stuhl schweigend gegenüber. Zu den Besucher*innen, die sich auf den leeren Stuhl setzten, gehörten u.a. Klaus Biesenbach, Sharon Stone, Tilda Swinton, Björk, Lady Gaga. Was passierte durch die Anwesenheit der Künstlerin? Was ließ sich von der Künstlerin erfahren? Eine Kritik des internationalen Ausstellungsbetriebes? Die Performance wurde von Klaus Biesenbach 8 Minuten vor der angekündigten Zeit abgebrochen, wohl auch um die Planbarkeit einer Performance zu hinterfragen. Die Video-Performance Titos Beerdigung/Tito’s Funeral (2025) auf einer sehr großen LED-Wand im abgedunkelten Lichthof des Martin Gropius Baus als Teil der Serie Balkan Erotic Epic dauert nur 1 Stunde.

Die Frage danach, was Titos Beerdigung mit der Erotik in Balkan Erotic Epic zu tun hat, ist berechtigt und könnte sich mit dem Foto Tito aus dem Jahr 2004 von Marina Abramović, auf dem sie das Staatsporträt von Josip Broz Tito in Uniform vor ihre nackten Brüste und ihren Unterleib hält, im Ausstellungsteil „Der politische Körper“ korrespondieren. Jüngere Ausstellungsbesucher können wahrscheinlich nichts mehr mit dem Namen Tito anfangen. Er prägte den Sozialismus Jugoslawiens nach dem Vorbild Stalins mit seinem starken Personenkult. Der jugoslawische Staatspräsident Tito starb am 4. Mai 1980 um 15:05 Uhr im Universitätsklinikum Ljubljana. Zur Beerdigung am 8. Mai 1980 reiste eine Vielzahl von Staatsgästen an, darunter Margret Thatcher. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien endete 1992. Um Tito hatte sich ein Personenkult als autoritäres Regime entwickelt. Doch im Performance-Video sind schwarzgekleidete, serbisch-mazedonische traditionelle Narikače (Klageweiber) zu sehen, die sich auf die Brust schlagen. Zwischen politischem Körper sowie Erotik und Tod greifen Abramović‘ Performances Raum.

Während Jahre von 1991 bis 2001 fanden die Jugoslawienkriege bzw. postjugoslawischen Kriege statt, die nicht zuletzt in Balkan Barock 1997 von Marina Abramović mit einem Trauerritual bearbeitet worden sind.[1] Sie schabte 4 Tage lang Blut- und Fleischreste von Rinderknochen. Wie im großformatigen Performance-Video nimmt sie die Tradition der Narikače auf. In Manchester war Abramović im Oktober 2025 selbst als Narikače gekleidet zum Schlussapplaus erschienen. Die ritualisierte und professionelle Trauerpraxis der Klageweiber erhält insbesondere im Sound ekstatische Züge, während die Frauen visuell kaum eine Miene verziehen und ständig die gleiche Geste ausführen. Die erotische Dimension von Titos Herrschaft und des autoritären Regimes zieht sich wie ein roter Faden durch Marina Abramović Performances. Einerseits geht es um die widersprüchliche politische Praxis des Titoismus als Personenkult in einem Regime, das sich offiziell gegen gesellschaftliche Klassen und Geschlechterungleichheit aussprach, während Tito einen recht luxuriösen Lebensstil führte, dreimal verheiratet war und einen häufigen außerehelichen Wechsel seiner Partnerinnen kultivierte. Andererseits geht es der Performerin darum, den Regimewiderspruch an sich selbst zu erforschen.

„Der politische Körper“ wird nicht zuletzt durch eine Politik der Körper mit Massenveranstaltungen, Zerstörung von Körpern politischer Gegner, uniformieren der Körper und Bevölkerungspolitik an den Körpern von Frauen durch Männer geprägt. Lehnt Marina Abramović diese männliche Politik der Körper ab? Oder ist sie von ihr auch fasziniert? Es gibt eine Ambivalenz in den Performances, die ihr möglicherweise wichtiger ist als eine eindeutige Haltung. In der Performance Thomas‘ Lippen/Thomas Lips (1975) in der Galerie Krinzinger in Innsbruck ritzte sie sich mit einer Rasierklinge (einem männlichen Werkzeug zum Rasieren der Gesichtshaare, das heute kaum noch gebräuchlich ist) wiederum einen fünfzackigen Stern um ihren Bauchnabel und über der Scham. Während sie nackt war, trug sie die jugoslawische Partisanenkappe ihrer Mutter auf dem Kopf. Sie geißelte sich mit einer mehrschwänzigen Lederpeitsche, wie es einerseits in religiösen Zirkeln Praxis war und andererseits in sadomasochistischen Praktiken vorkommt. Auf einem Programmzettel hatte sie angekündigt:
„Ich esse langsam 1 Kilo Honig mit einem Silberlöffel.
Ich trinke langsam 1 Liter Rotwein aus einem Kristallglas.
Ich zerbreche das Glas mit der rechten Hand.
Ich ritze mit einer Rasierklinge einen fünfzackigen Stern in die Haut meines Bauches.
Ich peitsche mich heftig, bis ich keinen Schmerz mehr empfinde.
Ich lege mich auf ein Kreuz aus Eisblöcken.
Die Hitze eines hängend auf meinen Bauch gerichteten Heizstrahlers bringt den eingeritzten Stern zum Bluten.
Der Rest meines Körpers fängt an zu frieren,
Ich bleibe 30 Minuten auf dem Eiskreuz liegen, bis das Publikum das Stück durch Wegräumen der Eisblöcke unter mir unterbricht.
Dauer: 2 Stunden
Galerie Krinzinger, Innsbruck
1975“[2]

In ihrer Videoinstallation Slawische Seele (2005) wird die Männlichkeit, wie sie im montenegrinischen Versepos Der Bergkranz von Petrović Njegoš 1846 im Modus der Romantikliteratur konstruiert und beschworen wird, auf groteske Weise mit 10 Männern in montenegrinisch-romantischen Trachten kritisiert. Links und rechts einer größeren Frau in der Mitte stehen die Männer mit offenen Hosenställen. Die Frau in schwarz mit langen schwarzen Haaren steht mit niedergeschlagenen Augenlidern zwischen den Männern. Zunächst sieht es nach einer Fotoinstallation aus, bis man sieht, dass die sich kaum bewegenden Männer mit ihren Augen blicken und ihre Penisse sichtbar erigieren. Dann schlägt die Frau die Augen auf und beginnt einen Vers über das Leiden des südslawischen Volkes aus dem Epos zu singen. Sie bekreuzigt sich dabei. Der Krieg sei ihr ewiges Kreuz, heißt es darin. Im Performance-Video Thomas‘ Lippen von 2005 singt Marina Abramović den gleichen Vers.
„… The war is our eternal cross …“

Die männliche Sexualität spielt im Versepos Der Bergkranz des jungen Fürstbischofs Petar II. Petrović Njegoš als politischem und religiösen Herrscher eine durchaus strukturierend nationalistische Rolle inklusive eines mythologischen Frauenraubs durch die Türken, dessen sich die Montenegriner erwehren müssen. Das montenegrinische Volk fühlt sich verraten und verlassen von den europäischen Mächten im Kampf gegen den „Koran“ und die Türken. In dieser Verlassenheit wird der junge Fürstbischof zum Autor, Anführer und Retter, indem er die Parteien gegeneinander antreibt und selbst als Bischof Danilo zum einenden Akteur der Nation wird, indem die montenegrinischen Mythen bis zum Verbrennen der Frauenhaare auf den Gräbern der Helden verdichtet werden.
„Teufelsmacht hält ringsum uns umschlossen;
Wäre irgend in der Welt ein Bruder,
Würd‘ sein Mitleid Hilfe schon bedeuten.
(…)
Mag geschehen, was nicht kann geschehen, –
Satan mähn, die Hölle uns verschlingen,
Auf den Gräbern werden Blumen sprießen
Dem Geschlechte einer fernen Zukunft.“ (Bischof Danilo Vers 646-648 und 659-662)[3]

In der Installation Slawische Seele kombiniert Abramović den serbisch-orthodoxen Montenegro-Mythos mit dem Jugoslawischen, indem sie die Form des Triptychons mit der legendären jugoslawischen Sängerin und Filmikone Olivera Katarina kombiniert. Es ist inklusive der Erektionen ein Altarbild der Nation. Die Videoinstallation wird in einer 9minütigen Schleife abgespielt. Balkan Erotic Epic spielt sich mit Slawische Seele somit an den Ursprüngen der Balkan-Mythen des 19. und 20. Jahrhunderts ab. Die Folklore und die augenscheinliche Potenz der südslawischen Männer auf einem Ornament-Teppich, wie er im 19. Jahrhundert wiederkehrt und im 20. aus zahllosen kroatischen oder jugoslawischen Restaurants bekannt ist, wird in der Kurzzeitperformance fast wie in einem Comic-Strip vorgeführt. Die aufgeführte Sexualität handelt von Lebensenergie, die für Nationalismus, Rassismus, Islamophobie instrumentalisiert werden kann oder für künstlerische Kreativität. Mit ihren Worten:
„Alle Energie, die wir in unserem Körper haben, ist sexuelle Energie. Wir können sie für die Kreativität nutzen, für Spirituelles – oder sie wird zu Aggression, Krieg, Wut.“[4]

Den nationalistischen Epen des Balkans setzt die Performerin mit den Teilen „Erotik der Erde“ wie „Erotik und Tod“ eine positivere weibliche Performance von Sexualität entgegen. Die Erde wird rituell zum lebendigen, weiblichen Körper, wenn beispielsweise im Regen tanzende Frauen in Folklore-Trachten in Gottheiten erschrecken, um den Regen zu beenden (2025) ihre Röcke heben und ihre Scham zeigen. Dem 20minütigen Performance-Video der Frauen wird eines mit auf dem Bauch liegenden, nackten Männern, die Penetrationsbewegungen auf der Wiese ausüben, gegenübergestellt. Die Bewegungen der Männerkörper wirken im Unterschied zu den tanzenden Frauen monoton. Abramović bezieht sich dabei nicht nur auf europäische Glaubenssysteme und Mythen, vielmehr ebenso auf den Shintoismus in Japan. Einige Performerinnen haben denn auch asiatische Gesichtszüge. In den meisten Glaubenssystemen in Europa, Asien und dem Shintoismus werden die männlichen Formen hierarchisch privilegiert. Durch Gottheiten erschrecken, um den Regen zu beenden wird eine weibliche Praxis der Sexualität in den Vordergrund gerückt.

In der eröffnenden Ausstellungsinstallation mit einem Wald von penisförmigen Pilzen hält eine europäische Wissenschaftlerin einen verfremdeten und karikierenden, kulturwissenschaftlichen Vortrag über Fruchtbarkeitsmythen des Balkans gegenüber einem großformatigen Animationsfilm. Abramović wendet sich gegen eine empirische Wissenschaft, die Mythen der Sexualität vermeintlich erklären kann und setzt dagegen ihr künstlerisch performatives Verfahren des Erlebens für eine gewisse Dauer. Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, in dem durch CHATGPT vermeintlich alles wissenschaftlich erklärt werden kann, wird Balkan Erotic Epic zu einer Gegenperformance. Die Performances von Marina Abramović befragen nicht zuletzt vorherrschende Wissenssysteme der Sexualität. Jenem Bereich des Menschenlebens, der durch Gesellschaftswissen als Mythen zutiefst geprägt ist, Geschlechter formt, indem sie das Individuum zwingen, permanent gleiche oder vergleichbare Handlungen auszuführen. Während in durch KI generierten Pornos plastische Körper auf Befehl jede sexuelle Fantasie ausführen können, schimmert beispielsweise in der Performance Akt mit Skelett der mittelalterliche Totentanz hindurch. Erotik, ließe sich sagen, ist immer mit dem Schrecken der Endlichkeit – la petite mort – und der Lust verbunden.

Die Darstellung von Weiblichkeit am eigenen Körper und an den von Performerinnen nicht zuletzt in Frauen massieren Brüste (2005) bezieht sich auf Objekte und Narrative des begehrten Weiblichen. Das Weibliche entzieht sich dabei auch einer positiven Bestimmung. In der Geschichte nicht nur des Balkans figuriert das Weibliche überwiegend, als das Objekt, das vom Männlichen penetriert, diszipliniert und kategorisiert werden soll. Vielleicht geht es eben um jene schwer zu verifizierende Weiblichkeit, wie sie mit einer fast winzigen Weiblichen Figurine aus der Jungsteinzeit (spätes 6. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung) im Eingangsbereich der Ausstellung als junges Fundstück ausgestellt wird. Im Ausstellungstext heißt es:
„Die Keramikfigur wurde 2021 bei archäologischen Ausgrabungen in dem nordmazedonischen Dorf Mačevo gefunden. Die Dreiecksform – die sowohl in der Silhouette der Figur als auch in den Einritzungen auf der Oberfläche angelegt ist – erinnert an die schematische Form einer Vulva. Prähistorische und antike Figuren weiblich gelesener Körper und Genitalien waren in vielen Regionen der Welt verbreitet…“
Torsten Flüh
Marina Abramović
Balkan Erotic Epic
The Exhibition
Gropius Bau
bis 23. August 2026
Balkan Erotic Epic
The Performance
14. Bis 17. Oktober 2026
[1] Zu Jugoslawien und seiner nachwirkenden Geschichte siehe auch die Uraufführung von Petra Strahovniks Orchesterstück 1945. Torsten Flüh: Von der Gegenwart des Abwesenden. Zum Konzert des RSB Berlin unter der Leitung von Brad Lubman und Hans Werner Henzes Ariosi bei ultraschall berlin 2026. In: NIGHT OUT @ BERLIN 7. Februar 2026.
[2] Zitiert nach Aushang in der Ausstellung.
[3] Petar II. Petrović Njegoš: Der Bergkranz. Einleitung, Übersetzung und Kommentar von A. Schmaus. Bern, 1963. (Open PDF)
[4] Zitiert nach Flyer zur Ausstellung.
































































































































